Sprechen Sie Wissenschaft? Wissenschaftssprache im öffentlichen Dialog
Eine Initiative des BMWF und der Ö1 Wissenschaftsredaktion
Sprache gestaltet das gesellschaftliche Leben. Durch die Sprache können wir uns verständigen und geben wir Informationen weiter. Durch sie entsteht Wirklichkeit. Auch für die Wissen-schaft ist Sprache die existentielle Basis, wenn sie mit anderen kommunizieren will. Ohne Sprache keine Wissenschaft. Durch Sprache wird Erkenntnis gefestigt, erhält Wissen seine Ordnung, seine Brisanz, seine Überzeugungskraft. Gute Sprache ist das Fundament guter Wissenschaft. Klar, präzise, verständlich und interessant müssen wissenschaftliche Texte sein. Dann sind sie gut.
Wie die Wissenschafter/innen eine verständlichere Sprache finden
Nun wird häufig beklagt, dass Wissenschaft unverständlich kommuniziert. Die Sprache vieler wissenschaftlicher Disziplinen sei schwer zugänglich für die breite Öffentlichkeit, ja sie behindere sogar die Verständigung zwischen den einzelnen Wissenschaftsdisziplinen. Texte müssen schließlich auch gelesen und verarbeitet werden; viele Berichte sind allein schon wegen des Umfangs unzugänglich. Das Problem wurde vor allem im Bereich der inter- und transdisziplinären Wissenschaft erkannt, wo eine etablierte Fachsprache weitgehend fehlt. Wissenschaft kann allerdings gesellschaftliche Probleme nur lösen, wenn sie verstanden wird, disziplinäre Grenzen öffnet und den interdisziplinären Wissensaustausch gestattet.
Die Öffentlichkeit hat Interesse an verständlicher Wissenschaft.
Die einschlägigen TV-Formate beispielsweise belegen dies eindrucksvoll. Die Wissenschaft selbst ist aber verantwortlich für die Verständlichkeit ihrer Ergebnisse und deshalb auch für die Sprache, die das Wissen hervorbringt und entsprechendes (gesellschaftliches) Handeln beabsichtigt. Denn Wissensvermittlung kann nicht ausschließlich von Übersetzer/innen geleistet werden. Nur wenn sie sich der Öffentlichkeit gegenüber verständlich macht, kann Wissenschaft zeigen, was ihre schöpferischen Kräfte hervorbringen und wie sie der Gesellschaft und dem Einzelnen zugute kommen.
Doch wie kann es gelingen, dass sich Wissenschafter/innen angemessen ausdrücken? Wo können sie das wissenschaftliche Schreiben und Vortragen unter fachkundiger Anleitung üben, wo lernen sie, sich auch anschaulich und bildhaft auszudrücken? Vermittelt die Universität die nötige Qualifikation? Wie können Methoden und didaktische Konzepte für die Vermittlung wissenschaftlicher Sprach- und Schreibkompetenz entwickelt werden, bei der es sich ja um eine fachübergreifende Kompetenz handelt, die die Kultur des Lernens, der Lehre entscheidend prägt?
Neue Ansprüche an die Wissenschaft stellt auch die Globalisierung. Englisch etabliert sich als Lingua franca der Wissenschaft, insbesondere der Naturwissenschaften. Wer konkurrenzfähig sein will, muss englisch publizieren, vortragen, lehren. Die international vernetzten Wissenschafter/innen müssen Übersetzung in zwei Richtungen leisten: in die Lingua franca der Wissenschaft und in der eigenen Landessprache in eine öffentlich verständliche Form.
In Bezug auf die Sprache der Wissenschaft wirft der globale Trend zur Uniformierung zahlreiche Fragen auf: Wie präsentiert sich das Englisch der österreichischen Wissenschaft in der internationalen Wissenschaftsszene? Erlaubt die Lingua franca differenzierte, präzise wissenschaftliche Kommunikation ohne inhaltliche Verluste? Können die Gedanken in der erforderlichen sprachlichen Präzision formuliert werden?
Auch die Digitalisierung, ein zweiter globaler Trend, beeinflusst die Kommunikation und die Sprache der Wissenschaft erheblich. Wie verändert sich dadurch das wissenschaftliche Publizieren? Welche Kompetenzen verlangt das Texten in der digitalen Welt?
Die Sprache der Wissenschaft braucht öffentliche Aufmerksamkeit!
Die Initiative "Sprechen Sie Wissenschaft?", getragen vom BMWF und der Ö1 Wissenschaftsredaktion, fördert den öffentlichen Dialog über die Sprache und den Sprachgebrauch der Wissenschaft. Die Veranstaltungen sind ein Angebot, sich mit diesem Thema auseinander zu setzen und sich auszutauschen. Folgende Fragen stehen dabei im Mittelpunkt:
- Wie kann Wissenschaft (auch) allgemein verständlich sein und dennoch den Anspruch der Wissenschaftlichkeit erfüllen?
- Muss Wissenschaft eine Sprache der Elite sprechen?
- Was sind die gegenwärtigen Sprachetrends? Was geschieht mit der Wortsprache in der Flut der eMails, Graphiken, Bilder?
- Wie verändern neue Medien die wissenschaftliche Sprache, den Sprachgebrauch, die Kommunikation der Wissenschaft? Braucht es netzspezifische Sprach- und Schreibkompetenz?
- Wie behält die Sprache ihre Verständigungskraft?
- Wer ist verantwortlich für den Zustand der Sprache?
- Brauchen wir in der Wissenschaft noch die deutsche Sprache?
- Trägt die Forschungsförderung Verantwortung für die Sprache?
- Was erwarten wir uns hinsichtlich Sprache von den Universitäten?
Im Titel der Initiative ist mit Sprache zunächst die Wortsprache gemeint. Auf diese ist in Wissenschaft und Forschung besonderes Augenmerk gelegt. Neben der Wortsprache bedient sich Wissenschaft auch der Symbolsprache und der Sprache der Bilder, Graphiken, Diagramme; die Grenzen dazwischen sind oft fließend. Die Initiative wird die Aufmerksamkeit auch auf diese Sprachen richten.
Den öffentlichen Auftakt der Initiative bildete das Symposion "Sprache Wissenschaft Wirklichkeit. Wohin im öffentlichen und wissenschaftlichen Sprachgebrauch?", 22. März 2007, RadioKulturhaus.
Nachzulesen unter:
http://science.orf.at/science/events/147573
http://science.orf.at/science/news/147656
Aus diesem Symposion ist das Buch "Wissenschaft, helldunkler Ort. Sprache im Dienste des Verstehens" (HG: Maria Nicolini, Braumüller, 2008) hervor gegangen.
2008 sind zwei weitere Veranstaltungen geplant:
14. Mai 2008, ORF-RadioCafe: „Wissenschaft ab ins Netz? Die Sprache der Wissenschaft im Kontext der Digitalisierung“
16. Oktober 2008, ORF-RadioKulturhaus
Die beiden Veranstaltungen werden von einer Gastkommentar-Serie auf scienceORF.at begleitet, die bis Oktober läuft.
http://science.orf.at/science/news/150781
Von den Veranstaltungen abgesehen werden auch Projekte und Publikationen gefördert, die sich dem Thema Wissenschaftssprache widmen. Interessierte Wissenschafter/innen, Forschungsförderungseinrichtungen, Journalist/innen u.a. sind eingeladen, mit dem BMWF Kontakt aufzunehmen.
Information/Kontakt:
Dr. Karolina Begusch-Pfefferkorn
Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung
Abteilung II/4 – Umweltsystemwissenschaften
Rosengasse 2–6, Zimmer 714
1014 Wien
t: +43.1.53120.5638
f: +43.1.53120.815638
e: karolina.begusch-pfefferkorn@bmwf.gv.at
